Führungen

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Gründung des Südwest-Staates - Erste Gespräche auf dem Hohenneuffen

Politische Lage im Südwesten nach 1945

Der Anstoß zur Bildung eines einzigen Staates im deutschen Südwesten ging von den Alliierten aus, die das Land besetzt hatten: Das Gebiet im Südwesten war nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 willkürlich, ohne Rücksicht auf geographische, soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse, dreigeteilt worden. Die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone verlief mitten durch Baden und Württemberg entlang der Autobahn Karlsruhe – Stuttgart – Ulm. Die beiden traditionsreichen Länder sowie das preußische Hohenzollern hatten immerhin fast 150 Jahre Bestand gehabt. Die Amerikaner bastelten aus den von ihnen besetzten Gebieten Nordbaden und Nordwürttemberg das Gebilde Württemberg-Baden mit der Hauptstadt Stuttgart. Allerdings behielt der Landesbezirk Baden innerhalb dieses Gebiets eine weitgehende Verwaltungsautonomie. Die Franzosen machten aus dem Süden Württembergs und Hohenzollern das Land Württemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen, und aus dem südbadischen Landesteil wurde Baden mit der Landesmetropole Freiburg. Franzosen und Amerikaner konnten sich nicht über eine gemeinsame Besatzungspolitik verständigen: Den Amerikanern genügte es, daß sich ein wieder handlungsfähig werdendes Deutschland entwickelte, daß seine Schwerindustrie demontiert wurde und föderale Strukturen entstanden. Die Demokratisierung des öffentlichen Lebens machte in Württemberg-Baden rasche Fortschritte.


Der »Signalstoß«

Neu war die Idee nicht, Baden und Württemberg zu vereinen. Bereits im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Republik hatten einige Politiker laut darüber nachgedacht. Auch Theodor Heuss, waschechter Württemberger und erster Bundespräsident, hatte 1919 in einer Rede in Stuttgart bereits den Zusammenschluß von Baden und Württemberg vorgeschlagen. 1963 schrieb er zum Südweststaat: »Denn es hat mir nach dem Abschluß der so wohltätigen Entwicklung einige Freude gemacht, dass ich als junger Kerl den ersten Signalstoß in die Trompete blies, mit den Staatsgründungen aus Napoleons Vorzimmern auf die legitimste Weise Schluß zu machen.« Der erste »Signalstoß« nach 1945 kam wieder aus Stuttgart. Dort hatte im Herbst 1946 die württemberg- badische Verfassunggebende Landesversammlung einen entscheidenden Schritt in Richtung Südweststaat getan: Nach Art. 107 sollten Verfassungsänderungen bei einer Vereinigung mit Südwürttemberg und Südbaden mit einfacher Mehrheit beschlossen werden können. Die Regelung stieß in Freiburg auf heftigen Protest. Der (süd-) badische Präsident Leo Wohleb behauptete, nur die Regierung in Freiburg besitze die Legitimation, im Namen des badischen Landes und Volkes zu sprechen. Der nächste Anstoß zur Lösung des Problems kam von außen: Am 1. Juli 1948 erteilten die drei Militärgouverneure im westlichen Teil Deutschlands den elf Regierungschefs mit dem Frankfurter Dokument Nr. 2 den Auftrag, Vorschläge für eine Neugliederung der Länder zu erarbeiten. Nach Fläche und Einwohnerzahl sollten dabei möglichst ausgewogene Länder entstehen. Im Südwesten gab es jedoch ein fast unlösbares Problem: Die Regierungen von Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern wollten zusammen mit Baden ein einziges Land bilden. Dies aber lehnte Baden kategorisch ab.

 

Vom Werden des Südwest-Staates

In dieser kritische Situation lud der Ministerpräsident von Württemberg-Baden, Reinhold Maier, am 2. August 1948 die Regierungschefs, Landtagspräsidenten und die Fraktionsvorsitzenden der drei Länder zu einer ersten klärenden Besprechung ein.

Deren Aufteilung war durch die Alliierten entlang der Kreisgrenzen erfolgt, wobei zur amerikanischen Zone ganz bewußt all die Kreise geschlagen wurden, durch die die Autobahn Karlsruhe – München (heutige A 8) verlief. Die Militärregierungen der Besatzungszonen hatten 1945/46 die Länder Württemberg-Baden in der amerikanischen sowie Württemberg-Hohenzollern und Baden in der französischen Zone gegründet. Diese 3 Länder wurden dann wenig später, am 23. Mai 1949, Teil der Bundesrepublik Deutschland.

 

Das Treffen auf dem Hohenneuffen

Dabei gab es hohe Politik im wahrsten Sinne des Wortes: Die Regierungsvertreter der 3 südwestdeutschen Nachkriegsländer, Reinhold Maier (FDP) von (Nord-) Württemberg-Baden, Leo Wohleb (CDU) von (Süd-) Baden, und Viktor Renner von (Süd-) Württemberg-Hohenzollern, in Vertretung des schwer erkrankten Lorenz Bock, kamen zu ersten Gesprächen zur Gründung eines einzigen Staates im deutschen Südwesten auf dem Hohenneuffen zusammen. Gerne wird dieses Treffen auf der Burg deshalb als »Wiege des Südweststaates« bezeichnet. (60 Jahre später, im Jahre 2008, will der Kreisarchivar Manfred Waßner freilich in Anbetracht der Umstände lieber vom »Zeugungsakt« des Südweststaates sprechen.) Mit dabei waren der Tübinger Politik-Professor, frühere Staatsrat und stellvertretende Innenminister Theodor Eschenburg und Gebhard Müller als CDU-Landesvorsitzender, beide von Württemberg-Hohenzollern, als Stuttgarter FDP-Vorsitzender Theodor Heuss, der die von Leo Wohleb geführte südbadische Delegation als »Traditionskompanie des Hauses Zähringen« bezeichnet haben soll, und schließlich – als »junger Hüpfer« und Gastgeber – Landrat Dr. Ernst Schaude; insgesamt waren es 58 Personen, die am Treffen auf dem Hohenneuffen teilnahmen. Die verschiedenen, zum Teil diametral entgegengesetzten Positionen traten dabei klar und deutlich in Erscheinung, zumal diese von ihren Vertretern nicht immer nur in ruhigem, gemäßigten Tonfall vorgebracht wurden – obwohl auf der Burg alles aufs Beste vorbereitet war:

Bei deren Ankunft war die Tafel mit »riesigen Kannen echten Kaffees und gewaltigen Mengen Hefekuchen« bestückt. Mädchen in Schwarzwälder Tracht reichten reichlich Kirschwasser. Der Tagungsort war mit Bedacht gewählt: »Zentral gelegen, keine Trutzburg, eine geschleifte Festung, unmilitaristisch, allerdings ein betont schwäbischer Berg, Eigentümer das alte Land Württemberg«, so begründete Reinhold Maier später seine Wahl. Bei dieser ersten Zusammenkunft könnte der Täleswein, Jahrgang 1947, eine ganz entscheidende Rolle als »Geburtshelfer « gespielt haben. Denn er soll, dank seiner guten Qualität, verbunden mit dem im Vergleich zu entbehrungsreichen, kargen Kriegszeiten reichlichen Essen (Kalbsnierenbraten mit Spätzle und Soß’ und grünem Salat), »den Beteiligten die Zunge locker und die Beine schwer gemacht haben . . . «, so daß man, nach anfänglich sehr großen Bedenken, vor allem von Leo Wohleb, vereinbarte, weiter miteinander zu verhandeln und daß – an dem auch im übertragenen Sinne heißen Augustabend – schließlich selbst die Badener das Württemberger-Lied »Preisend mit viel schönen Reden« schmetterten. Zuvor hatte das noch anders geklungen: Da war auf badischer Seite von der Gründung eines Staates »Groß-Schwaben« die Rede . . .

. . . und bei der ordnungsgemäßen Abrechnung des Hausherren Schaude war die Rede von zahlreichen Zigarren und – buchhalterisch nicht ganz korrekt – von »einer astronomischen Zahl« von konsumierten Viertele! Gastwirt Otto Spring hatte ihm allein für Essen und Trinken eine Rechnung über 1.239 Mark präsentiert; und 130 Mark für die eigens aus Stuttgart heraufgebrachten Zigarren.

 

Weitere Gespräche waren notwendig

Zahllose Beratungen folgten, jedoch ohne Ergebnis – es konnten kaum wesentliche Fortschritte erzielt werden. Hauptgegenstand der Gespräche war neben der Südweststaatsbildung der Volksentscheid, der nicht nur von den Alliierten vorgesehen, sondern auch von den Landesverfassungen vorgeschrieben war. Umstritten war die Frage der Abstimmungsbezirke bzw. des Auszählungsmodus sowie die Formulierung der Frage, die der Bevölkerung vorgelegt werden sollte. Während die Freiburger dafür eintraten, daß die Stimmen nach den beiden alten Ländern zu zählen seien, verlangten die Stuttgarter die Zählung der Stimmen gesondert nach den vier Landesteilen Nord- und Südbaden sowie Nord- und Südwürttemberg. Zu einem Kompromiß war keiner bereit. Jeder glaubte, mit seinem Abstimmungsmodus gewinnen zu können: die Freiburger die Wiederherstellung des alten Badens und die Stuttgarter den Südweststaat.

Eine weitere Station auf dem Weg zur Gründung eines Südweststaates in der näheren Umgebung folgte wenig später: Im Juni 1949 kam es zu dem wenig bekannten »Geheimtreffen von Schlattstall« im Gasthaus »Hirsch« zwischen Reinhold Maier, dem späteren liberalen Ministerpräsidenten von Württemberg-Baden und Gebhard Müller, dem christdemokratischen Staatspräsidenten von Württemberg-Hohenzollern. Obwohl von Küche und Keller verwöhnt, blieb bei Müller ein schaler Nachgeschmack zurück. Denn er konnte zeitlebens nicht verwinden und betrachtete es persönlichen Affront, daß Maier – angeblich gegen seine ausdrückliche Zusage – nicht ihm, Müller, den Vortritt gelassen hatte, sondern drei Jahre später in einem koalitionspolitischen Handstreich selbst Regierungschef des neuen Bundeslandes Baden-Württemberg wurde.

Im »Hirsch« traf sich in den folgenden Jahr(zehnt)en weitere Prominenz: Ministerpräsident Hans Filbinger ebenso wie Klaus Scheufelen, Wirtschaftsboss Werner Niefer, Landrat Ernst Schaude, Gerhard Mayer-Vorfelder oder die sportjournalistische Legende »bli«, Hans Blickensdorfer.

Schließlich wurde nach zahlreichen weiteren Verhandlungen und einer Volksabstimmung das Bundesland Baden-Württemberg als ein Teil der Bundesrepublik Deutschland am 25. April 1952 durch die Fusion der Länder Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern gegründet. An diesem Tage verkündete Reinhold Maier, am Rednerpult der Verfassunggebenden Versammlung in der Stuttgarter Heusteigstraße, mit folgenden Worten die Gründung des neuen Landes Baden-Württemberg:

„Meine sehr verehrten Abgeordneten. Gemäß § 14, Absatz 2, Satz 2 wird hiermit der Zeitpunkt der Bildung der vorläufigen Regierung auf den gegenwärtigen Augenblick, nämlich auf Freitag, den 25. April 1952, zwölf Uhr 30 Minuten festgestellt. Mit dieser Erklärung sind gemäß § 11 des zweiten Neugliederungsgesetzes die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt.“