Führungen

Von April bis Oktober regelmäßig an jedem 3. Sonntag im Monat nach der "Kirche im Grünen" gegen 11.45 Uhr, Dauer ca. 1 Std. 

Für interessierte Gruppen (Geburtstage, Hochzeiten, Jahrgänge, Jubiläen, Ausflüge, Schulklassen, Firmenveranstaltungen, etc.) bieten wir auch Führungen nach Vereinbarung an.
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Der Tübinger Vertrag – Voraussetzungen und Inhalt

Voraussetzungen und Hintergrund

Als der 15jährige Ulrich von Württemberg 1503 von Kaiser Maximilian I. vorzeitig für mündig erklärt wird, ist trotz oder auch gerade wegen der Herrschaft des wenige Jahre zuvor verstorbenen Grafen und Herzogs Eberhard im Barte das württembergische Ländle praktisch pleite. Der jugendliche Herrscher und Sohn des erblich vorbelasteten Vaters („der tolle Heinrich“) stürzt das Land durch seine fünf großen Vorlieben und Leidenschaften noch tiefer ins Unglück. Unter ihm wird 1504 übrigens der Hohenneuffen Staatsgefängnis, was ich gestern vergaß zu erwähnen. Eine dieser Leidenschaften ist die Rauf- und Streitlust, und so beteiligt sich Württemberg auf Seiten des Kaisers und des Schwäbischen Bundes am Landshuter Erbfolgekrieg gegen den Pfalzgrafen Ruprecht. Dabei erhält das Land zwar stattliche neue Gebiete (z.B. Kloster Maulbronn, Löwenstein, die Herrschaft Heidenheim mit dem Kloster Königsbronn mit den damals im Entstehen begrif-fenen Hüttenwerken, Herbrechtingen und Anhausen), muß dafür aber auch ziemlich bluten. Noch 10 Jahre später hält die Opposition Ulrich nicht ganz zu Unrecht vor, „im pfälzischen Krieg sei ein ungeheuer Maas fürgenommen worden, daran man noch zu däuen habe“. Da diese Schulden wie immer auf die verschie-denen Ämter umgelegt werden, muß auch das Amt Neuffen mitdäuen!

 

Durch prunkvolle Feste, eine weitere Vorliebe des jungen Regenten, stürzt er sein Land immer tiefer in die Verschuldung. Beispielhaft dafür steht seine Hochzeit mit der großgewachsenen, aber nicht besonders ansehnlichen Sabina von Bayern. Dabei spendet ein Brunnen vor dem alten Uracher Schloß aus 2 Rohren ununterbrochen roten und weißen Wein; möglicherweise fließt dort auch Neuffener! Jedermann kann aus diesem Brunnen trinken, soviel er mag und kann, doch darf nichts geschöpft oder gar mit nach Hause genommen werden „denn was einer im Kropf davon getragen“. 16.000 Hochzeitsgäste essen und trinken eine Woche lang mit, darunter sicher auch der ehemalige Burgvogt und Vormund Ulrichs, Konrad Thumb von Neuburg, und seine Tochter Ursula, die spätere Frau seines Stallmeisters Hans von Hutten, den Ulrich einige Jahre später ihretwegen im Wald hinterrücks ermorden wird.


Die Erhebung „Armer Konrad“

Seine weiteren großen Lieben sind das Spiel und die Trunksucht, die Jagd und – obwohl nun verheiratet – die Frauen. Das alles kostet, das kostet sehr viel. Deshalb versucht Ulrich, u.a. durch ein Umgeld (eine Art Verbrauchssteuer) auf alle wichtigen Nahrungsmittel (zunächst nur auf Fleisch, später auch auf Mehl, Wein und Früchte), auch auf dem Wege der Gewichtsverminderung, an das Geld seiner eh schon (aus)gebeu-te(l)ten Untertanen zu kommen. Zudem will er den Gemeinden die althergebrachte Nutzung der herr-schaftlichen Wälder und der gemeindlichen Allmende stark einschränken. Das kommt gar nicht gut an. Die Empörung ist vor allem deshalb so groß, weil die Manipulation mit Gewichten von der Herrschaft unter ganz besonders strenge Strafen gestellt worden ist. So erhält man bald für das gleiche Geld statt 1 kg Mehl nur noch 700 g. Dies bildet den Grund für den Aufstand des „Armen Konrad“ oder „Armen Kunz“, ein Syno-nym für den „gemeinen“ (einfachen) Mann. Der Aufstand nimmt im Remstal seinen Anfang, weil dort die Wengerter angeblich besonders gerechtigkeitsliebend seien. Aber auch in Beuren und Neuffen wird des-halb am 13. Mai 1514 mehrmals Sturm geläutet. Die Beurener Unzufriedenen versammeln sich am 5. Juni und treffen sich am 13. mit denen aus Linsenhofen und Frickenhausen. Da die aufmüpfigen Beurener zugleich als Arbeits- und Wachmannschaft auf dem Neuffen tätig sind, fürchtet der Burgvogt Wolf von Neuhausen um die Sicherheit der ihm anvertrauten Burg. Er bittet deshalb seinen Vorgänger Thumb von Neuburg und den adligen Rat Ritter Dietrich Speth um Hilfe. Zwar weiß man nichts über den Ausgang dieser Verhandlungen. Aber man muß zu einer einvernehmlichen Übereinkunft gekommen sein, denn es ist nichts über weitere Beschwerden oder gar Bestrafungen der „Aufständischen“ bekannt.

 

Das „Gottesurteil“ des Gaisenpeters

Aus Protest gegen diesen Betrug führt Peter Gaiß aus Beutelsbach, bekannt als der Gaisenpeter, vor einer großen Menge Volkes ein Gottesurteil durch, die allseits bekannte „Wassserprobe“. Dabei schwingt er die neuen Gewichte des Herzogs und wirft sie unter dem Gelächter der Umstehenden mit den Worten „wenn der Herzog recht hat, dann schwimmt, wenn die Bauern recht haben, dann geht unter!“ in die Rems bei Großheppach. Das ist fast so gut wie eine Kriegserklärung an den Herzog, und von da an geht dieser mit un-barmherziger Härte gegen seine Untertanen vor, zumal er in Schorndorf nur knapp der Meute der Bauern entkommen ist.

Die Abstrafung ist sehr rigide. Noch wird ein aus Nürtingen kommender Aufrührer vom Uracher Forstmei-ster gefangen genommen und ebenso auf dem Hohenneuffen nur eingekerkert wie der Singerhans aus Würtingen, einer der führenden Köpfe des Aufstandes in dieser Gegend neben dem Bantelhans aus Dettin-gen. Damit kommen sie noch sehr gut davon, denn ansonsten wird der Aufstand blutig niedergeschlagen, die Anführer, darunter auch der Gaisenpeter, verlieren allesamt ihr Leben. 1.700 der Aufrührer, die eigent-lich nur ihr altes Recht wahrnehmen wollten, werden gefangen genommen und dürfen sich glücklich schät-zen, wenn sie nur ihre Bürgerrechte oder ihr kleines Vermögen verlieren und nicht ihr oft armseliges Leben.

 

Der Tübinger Vertrag

Da Ulrich wegen der finanziellen Misere nicht die Möglichkeiten hat, den Aufstand ohne fremde Unter-stützung niederzuschlagen, muß er sich der Mitwirkung der württembergischen Ehrbarkeit (des Patriziats, der adeligen/bürgerlichen Oberschicht) versichern. Dies tut er mehr oder weniger unfreiwillig; es bleibt ihm keine andere Wahl. Dieses Dilemma nützt die andere Seite geschickt aus. Sie ringt dem Herzog vielerlei Zu-geständnisse finanzieller und anderer Art ab. So muß er sich verpflichten, bei folgenden Entscheidungen je-weils die Zustimmung der Landstände (ständische Vertretung im Landtag) einzuholen: bei der Steuerge-setzgebung, der Landesverteidigung, dem Kriegswesen und dem Verkauf von Landesteilen – alles Punkte, bei denen die Oberschicht finanzielle Vorteile erlangen wird. Ferner muß er allen Einwohnern die freie Ausreise aus Württemberg garantieren, sofern sie denn wollen und keine Straftat begangen haben, und den Angeklagten in Strafprozessen ein ordnungsgemäßes Verfahren zusichern. Im Gegenzug verpflichten sich die Landstände, für mindestens 40 Jahre für die Schulden des Herzogs aufzukommen.

Herzogs-Herz, was willst du mehr?! Die zugesagten Einschränkungen gedenkt er, bald kraft Amtes und Titels wieder aufzuheben, und sein Schuldenberg wird in voller Höhe übernommen.

Da dieses Vertragswerk (s. Bild) im Tübinger Schloß ausgehandelt und dort unterzeichnet wird, hat sich später die Bezeichnung „Tübinger Vertrag“ dafür eingebürgert und durchgesetzt. Der Vertrag gilt als das wichtigste Verfassungsdokument im Herzogtum Württemberg bis zu dessen Aufhebung und wird als Vorläufer des Grundgesetzes, in Anlehnung an ein früheres angelsächsisches Vertragswerk heute als die „württembergische Magna Carta“ bezeichnet. Bei Lichte besehen, wird dadurch die eigentlich ziemlich prekäre Lage der niederen Untertanen keineswegs verbessert, sondern der Vertrag sichert praktisch die eh schon großen Privilegien der Oberschicht, der Ehrbarkeit, unveränderbar ab. Im Gegenteil: Das aus Taglöh-nern, Handlangern, Bauern, kleinen Handwerkern usw. bestehende Volk (mit einem heute verwendeten Terminus aus der Soziologie: das Proletariat) muß für die im Vertrag ausgehandelten zusätzlichen finan-ziellen Belastungen aufkommen, die eigentlich die Ehrbarkeit vollmundig übernommen hat, und erhält dafür keinerlei weitergehende Rechte!

Tübingen darf übrigens als Ort, in dem der Vertrag geschlossen wurde, seitdem die württembergischen Ge-weihstangen im Wappen führen.