Führungen

Von April bis Oktober regelmäßig an jedem 3. Sonntag im Monat nach der "Kirche im Grünen" gegen 11.45 Uhr, Dauer ca. 1 Std. 

Für interessierte Gruppen (Geburtstage, Hochzeiten, Jahrgänge, Jubiläen, Ausflüge, Schulklassen, Firmenveranstaltungen, etc.) bieten wir auch Führungen nach Vereinbarung an.
Schicken Sie uns eine Anfrage per Mail - wir melden uns bei Ihnen.

Die Gefangenen auf dem Hohenneuffen – Schicksale kleiner Leute und hoher Herren

1449

Graf Ulrich V. sucht viele kleine und größere kriegerische Auseinandersetzungen, so greift er die Reichs-stadt Esslingen an, die die stärkste Stadtbefestigung zu dieser Zeit im süddeutschen Raum besitzt, und deckt sie mit 81 Kanonenschüssen ein. Kein Wunder, daß deren Verbündete, die Gmünder, Reutlinger und Ulmer, im Gegenzug sengend und brennend Ulrichs Gebiet verheeren. Erneut werden Äcker und Felder zerstört und Weinstöcke herausgerissen; man will die wirtschaftlichen Grundlagen des Gegners vernichten. Bei dieser Gelegenheit versuchen sich die Gmünder am Hohenneuffen. Doch nach einem Ausfall der Be-satzung, bei dem 65 Gmünder (oder Verteidiger? Oder beide?) gefangen worden und 34 gefallen sein sollen, ziehen die Angreifer unverrichteter Dinge wieder ab. Ein Jahr später schließen die verfeindeten Parteien Frieden mit einander.

 

22. 9. 1494

Der Neuffener Bürder Ludwig Doldin (Dolde) wegen „verbotenen Waidwerks, Schießens und Fallenlegens" im landesherrlichen Forst im Uracher Amt gefangen genommen, muß Urfehde schwören, eidlich geloben, zeitlebens kein Waidwerk mehr zu treiben und dafür 12 Bürgen stellen – und kommt damit noch glimpflich davon. Im gleichen Jahr wird Hanns Gewß aus Beuren ergriffen, weil er einen Hirsch geschossen, ein Rehkitz erlegt und von andern einen Teil eines Rehes erhalten hat. Ob die beiden auf dem Hohenneuffen gefangen saßen, ist nicht bekannt, aber sehr unwahrscheinlich.

 

1498

Conrad Holzinger, ein ehemaliger Kapuzinermönch, zuerst selbsternannter, später tatsächlicher Kanzler Herzog Eberhards des Jüngeren, wird wegen seiner „verderblichen Anschläge und Machenschaften" zu-gunsten seines Herrn zunächst 7 Jahre in Tübingen eingekerkert, nach der Absetzung des Herzogs durch den Landtag auf dem Hohenneuffen gefangen gesetzt. Alsbald an das bischöfliche Ordinariat in Konstanz ausgeliefert, wird er dort vor Gericht gestellt und wegen des höchsten Verbrechens gegen seinen Orden mit der Beförderung „ad pacem" (zum ewigen Frieden) verurteilt, der lebenslangen Einmauerung bei Was-ser und Brot.

 

1502

Der junge, 23jährige, frisch vermählte Graf Friedrich III. von Helfenstein, aus nichtigem Anlaß als Gefange-ner auf dem Hohenneuffen, unternimmt einen Fluchtversuch und stürzt dabei zu Tode.

1514

Ein aus Nürtingen stammender Anführer des „Armen Konrad" wird vom Uracher Forstmeister gefangen genommen, ebenso ergreift er am 17. Mai den Singerhans aus Würtingen, einen der führenden Köpfe des Aufstandes in der Gegend neben dem Bantelhans von Dettingen. Beide werden auf dem Hohenneuffen eingekerkert. Der Hohenneuffen ist übrigens seit 1504 Staatsgefängnis.

 

1515 – 1517

Als (Staats-) Gefangene sind in diesen Jahren auf dem Hohenneuffen:

Abt Georg Fischer von Zwiefalten (ein Bauernsohn zwar aus Baach, aber ein äußerst gebildeter Mann, der „Doktor unter den Äbten"). Herzog Ulrich überfällt das Kloster und läßt den seit 38 Jahren regierenden Abt, direkt vom Reichstag zu Trier gekommen, in vollem Ornat, rittlings auf ein Pferd gebunden, von 40 Knech-ten bewacht, auf die Burg bringen – eine unglaubliche Provokation Ulrichs. Seine Begründung dafür ist, daß sich der Abt finanziellen Forderungen Ulrichs widersetzt und die durch Ulrich wahrgenommene Schirm-vogtei (Schirmherrschaft) für das Kloster aufgekündigt habe. Der Abt muß auf Veranlassung des Kaisers persönlich aber bald wieder freigelassen werden. Sogar der Papst interveniert. Dieser Vorfall ist mit ein Grund für die spätere Ächtung Herzog Ulrichs.

 

Einfluß auf den Charakter der Einwohner!?

Diese Jahrhunderte fortwährenden Gefangenentransporte durch das Städtchen, oft unter schwerster Be-wachung, das Wissen um die zum Teil unschuldig auf der Feste Eingekerkerten, ihre teilweise drakonischen Strafen, die beständige Furcht, vielleicht selbst einmal wegen einer Nichtigkeit auf die verhaßte Zwingburg zu kommen, ohne Aussicht auf eine gerechte Verhandlung – all das sei nicht nur im Bewußtsein der Neuf-fener Einwohner gespeichert, sondern habe sich im Laufe der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte auch in ihrem Unterbewußtsein eingefressen und verfestigt, so daß der Neuffener dadurch einen ängstlichen, auf Unauffälligkeit getrimmten Charakter bekommen habe, der sich in einer starken Obrigkeitshörigkeit, ja einem Duckmäusertum und unbedingten Gehorsam gegenüber jedweder Autorität äußere. Das zumindest hat der Autor des Buches „Der Neuffen", Walter Bär, unser verstorbenes Mitglied und der Mitbegründer der Burgführer, langjähriger Lehrer an den Neuffener Schulen und damit intimer Kenner ganzer Neuffener Schülergenerationen, augenzwinkernd über seine Mitbürger geäußert. Daran mag durchaus ein Körnchen Wahrheit stecken. Denn diese Wesenszüge mögen den Neuffenern über lange Jahre duchaus eigen gewe-sen sein. Sollte es sie tatsächlich in dieser Ausprägung je gegeben haben, so haben sie sich im letzten Jahr-hundert – hoffentlich – zum Positiven verändert, in Unternehmungsgeist, Risikobereitschaft, aber auch Lernfähigkeit und -willen sowie Entdeckerlust und Erfindergeist.

Tatsächlich waren die allermeisten Menschen zu Beginn des industriellen Zeitalters derartig vorgeprägt, nicht nur in Neuffen, noch stärker wohl in kleinen, abgeschiedenen Orten, Albdörfern zumal, wie etwa in Hülben, aber auch in Beuren oder Kohlberg. Das lag dann aber meist nicht ursächlich an einem ungeliebten Orte wie dem Hohenneuffen, sondern an den damaligen Lebensumständen. Man mußte sein ganzes (und i.a. relativ kurzes) Leben in einem, seinem Dorfe oder seiner Stadt verbringen, kam als normaler Einwohner oder Bürger so gut wie nie aus deren Etter oder Mauern heraus, hatte meist eine geringe Schulbildung (wenn überhaupt), ohne die heutigen Möglichkeiten einer umfassenden Information (über Zeitungen, Radio, Fernsehen, neue Medien), wurde nicht nur durch weltliche Gesetze, sondern fast noch mehr und eindringlicher durch kirchliche (pietistische) Vorgaben eingeschränkt und mußte bei alledem noch durch harte körperliche Arbeit versuchen, seinen Lebensunterhalt und den seiner Angehörigen zu verdienen. Ge-wiß keine Situation, um aufmüpfige oder gar revolutionäre Gedanken zu bekommen oder hochtrabende Pläne zu schmieden. . .

 

Weitere Gefangene auf dem Hohenneuffen sind:

Vogt und Forstmeister Wilhelm Bälz von Neuffen. Er kommt ebenfalls als Gefangner auf die Burg; er soll, nachdem der Herzog seinen Stallmeister, Ritter Hans von Hutten, ermordet hat, Nachteiliges über Ulrich gesagt haben. Bälz wird auf dem Hohenneuffen zu Tode gefoltert. Er hinterläßt 10 unmündige Kinder. Der Bruder von Huttens, der hochgebildete Humanist Ulrich von Hutten, prangert die Untat Ulrichs in zahl-reichen Schriften an und entfacht damit schon vor 500 Jahren die erste „PR-Kampagne" in Europa (u.a. durch die „Dunkelmännerbriefe"). Sie ist so erfolgreich, daß die Kinder auf der Straße den Spottvers singen: „Ich bin jung und nit alt, gerade, hübsch und wohlgestalt, groß genug und kein Zwerg, herzog und henker von wirtemberg". Übrigens rühmt Ulrich von Hutten 1519 bei seinem Besuch des Aspergs: „Deutschland hat nicht leicht ein schöneres Land als diese Gegend, eine Fruchtbarkeit, wie man sie kaum anderswo antrifft."

Ein weiterer illustrer Strafgefangener Ist der Vogt zu Tübingen, Konrad Breuning, der maßgeblich am Zu-standekommen des Tübinger Vertrages (siehe dort) mitgewirkt hat. Herzog Ulrich wirft ihm trotz seiner frü-heren großen Verdienste Hochverrat vor und befiehlt, „es sei wie bisher und auf ander Weise für zu fahren, bis ihm die Seele ausgehe, oder bis er bekenne". Er wird aufs Grausamste gefoltert, indem er „mit glühen-den Zangen gequält und an Armen und Beinen geröstet" wird. In neueren Publikationen werden einige an ihm durchgeführten Folterungen jedoch stark angezweifelt! Nach 10monatigem Martyrium wird er am 27. 9. In Stuttgart enthauptet. Ebenso gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet werden zwei andere Vögte, der Bruder Breunings, der Weinsberger Sebastian Breuning, und der Cannstatter Konrad Vaut so-wie der Stuttgarter Bürgermeister Stickel.

Thumb von Neuburg, württembergischer Erbmarschall, sitzt ebenfalls für kurze Zeit auf dem Hohenneuffen ein.

Doch nicht nur prominente Staatsdiener verlieren meist zu Unrecht ihre Freiheit oder sogar ihr Leben. Auch zahlreiche einfache Leute läßt Ulrich gefangen nehmen und hinrichten, weil er glaubt, sie trachteten ihm nach dem Leben. Selbst leichtere Vergehen werden mit drakonischen Strafen geahndet. Diese strenge Ver-folgung oft Unschuldiger führte dazu, daß Ulrich heute von verschiedener Seite ein krankhafter Verfol-gungswahn attestiert wird. Die Untersuchungen dazu stehen jedoch erst am Anfang.

 

um 1540

Auf dem Hohenneuffen befiehlt ab sofort nicht mehr ein herrschaftlicher Vogt, sondern ein Kommandant übt dort oben militärische Macht aus. Ihm unterstehen von nun an Gardiknechte und geworbene Söldner, deren Familien in den umliegenden Orten, also wahrscheinlich auch in Neuffen, Wohnung nehmen. Für Beuren („Soldatenhäuser") und Balzholz (in der Schloßgasse) ist dies verbürgt. Darunter leidet jedoch das bisher recht gute Verhältnis zwischen Burgbesatzung und Bevölkerung. Es ist distanzierter, nicht mehr von gegenseitigem Vertrauen getragen, sondern eher von Angst geprägt. Ganz stark tragen dazu die sich meh-renden Gefangenentransporte durch das Städtchen auf den gefürchteten Festungsberg bei. Hinzu kommt, daß der Ruf einer Stadt, die den Namen eines landesweit gefürchteten, berüchtigten, ja sogar verhaßten Ortes trägt, sehr leidet – wie dies in noch viel stärkeren Maße für Asperg und den Hohenasperg gilt.

 

1573

wird der Wiedertäufer Matthias Binder, ein Schneider, auf dem Hohenneuffen gefangen gesetzt, später nach Stuttgart gebracht.

 

1574

kommt Abt Ott Lienhard Hofseß von Murrhardt ins Gefängnis.

 

18. 3. 1609

Matthias Enzlin, Kanzler anstelle des von Herzog Friedrich I. abgesetzten Melchior Jägers, wird nach Fried-richs Tod durch Anklage der Landstände gefangen genommen, weil er sich offen gegen die herrschende Familienaristokratie wandte, vom Volke treffend „Vetterlesgericht" genannt. Er wird 1609 auf die Burg ver-bracht, dort in ein vergittertes Gelaß gelegt und – nach dem Versuch, die Wachmannschaft zu bestechen – auf Hohenurach verlegt. Nachdem es Enzlin gelingt, auch den dortigen Kommandanten Hans Schweizer zu bestechen, kommt jener vor ein Kriegsgericht, das ihn und einen Soldaten dazu verurteilt, daß ihnen der Profoß „mit dem Schwert den Leib zu zwei Stücken schlagen soll, also daß der Leib der größere, und der Kopf der kleinere Theil sei". Auch Enzlin wird zum Tode durch das Schwert verurteilt und „ihm selbst zu wohlverdienter Straf und andern zum abscheulichen Beispiel" am 22. November 1613 in Urach auf dem Marktplatz der Kopf abgeschlagen. Auch die Mätresse des Herzogs sitzt einige Zeit auf dem Hohenneuffen ein, ehe sie auf Hohenurach überführt wird.

 

um 1620

Waren die Landesfestungen Hohenneuffen, Hohenasperg und Hohentwiel bisher nur Strafanstalt für Staatsgefangene, so bestimmt Herzog Johann Friedrich nun, daß auch allgemein Straffällige und Unter-suchungshäftlinge auf die Festungen gebracht werden sollen.

 

1639 – 1644

Der ehemalige Hohenuracher Kommandant Holtzmüller wird nun selbst für 4 Jahre auf dem Neuffen ge-fangen gesetzt, weil er in Urach Geld von Flüchtlingen und Gefangenen erpreßt haben soll, Leute grausam quälen ließ und fürstliches Mobiliar verkauft haben soll. Dies geschieht unter dem neuen Kommandanten, Hauptmann Michael Hitzler aus Heidenheim.

 

1693

Kommandant Schwan erlaubt in diesen kriegerischen Zeiten einem gefangenen Franzosen, nach Hause zu schreiben, was schon sehr nach Sabotage riecht. Er verteidigt sich damit, daß er die Briefe vom Neuffener Metzger Bertsch habe übersetzen lassen. Doch in Stuttgart zählt dies nicht, und so erhält Schwan einen „Aufpasser" zur Seite gestellt und der Hohenneuffen für einige Jahre ein „Oberkommando". Das erste hat der Kriegsrat Oberstleutnant David Roth inne. Roth ist am 28. September 1697 Taufpate bei Samson Georgii, dem in Neuffen geborenen, berühmten Dichter und Gelehrten, dem späteren Spezial von Back-nang. Als dem inzwischen 84jährigen Schwan erneut ein Gefangener entweicht und ihm auch noch vorge-halten wird, er habe „beim Pulver Tabak getrunken", wird er 1698 schließlich (unehrenhaft) entlassen.

 

1693 – 1697

Auf Hohenasperg, Hohentwiel und Hohenneuffen ist je ein Jägerbataillon stationiert, dessen Soldaten als Aufseher die Bewachung der Gefangenen gewährleisten sollen.

 

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts

ist der Hohenneuffen besonders stark mit Gefangenen belegt. Neben den Staatsgefangenen sitzen nun auch, wie schon beschrieben, immer mehr „normale" Sträflinge für Straftaten aller Art ein. D.h. Gefangene aus den unteren Ständen „sitzen" nicht, sondern werden in der Regel „ad operas publicas" (zu öffentlichen Arbeiten) herangezogen, also für Reparaturen, Ausbauarbeiten, Schanzarbeiten, zum Kalkbrennen oder zum Holzmachen. Als Beispiel sei der Beurener Hirschwirt Johann Adam Schlegel genannt, der 1750 wegen Urkundenfälschung für 4 Wochen auf die Festung kommt. Staatsgefangene hingegen brauchen keine schweren Arbeiten zu verrichten und erhalten normalerweise – je nach ihrer gesellschaftlichen Stellung – oft „ziemlich conditionirte Zimmer" im Arrestantenhaus, während die gemeinen Sträflinge bei magerer Kost in Massenlagern auf Stroh in den zugigen, kalten und feuchten Kasematten mehr schlecht als recht unter-gebracht sind. Doch werden sie sehr wahrscheinlich wenigstens einigermaßen verpflegt. Denn i.a. sind die Kommandanten auf ihre Arbeitskraft angewiesen – und seine Arbeiter läßt man nicht so einfach ver-hungern!

 

1733 – 1737

Unter dem neuen Herrscher Carl Alexander sind u.a. als Gefangene in der Festung: der Regimentsquar-tiermeister Hafner wegen Falschmünzerei, ein Wilderer namens Marquard und, auf persönliche Interven-tion des Herzogs hin, der Zaininger Pfarrer Johann Jakob Kuhn mit 3 seiner Gemeindeglieder, weil sie pie-tistische Andachten („Stunden") gehalten haben. Kuhn wird vorgeworfen, „er gehöre der Sekte an, welche man Pietisten nenne, die aber außer dem Namen nichts an sich hätten, was dieses Prädikat verdiene". Dazu habe Kuhn „nächtliche Zusammenkünfte gehalten und sowohl wider die Obrigkeit geredet, als auch in seinen Predigten so gelehrt, daß eine verderbliche Disharmonie unter seinen Pfarrkindern entstanden sei". Seine Frau und die Magd werden ins Ludwigsburger Arbeitshaus gesteckt. Seine 3 Glaubensbrüder bekom-men die „Karrenstrafe", d.h. sie werden an einen Schubkarren angeschmiedet und müssen in der Festung schwere Arbeiten verrichten. Nach dem Tode des Herzogs werden sie aber alle freigelassen. Kuhn wird wieder in Zainingen eingesetzt, jedoch mit der Maßgabe, ihn zu entschädigen. Deshalb wird er auf die besser dotierte Pfarrstelle nach Dapfen berufen. Dafür werden die Ankläger mit 488 fl (Gulden) Strafe be-legt. Kuhn wirkt bis zu seinem Tode 1778 sehr segensreich im Albort. Wenige Jahre später wird das Ab-halten der „Stunden" unter Auflagen grundsätzlich genehmigt.

Das ändert aber nichts daran, daß Kirche und Staat weiterhin ein strenges Auge auf den Lebenswandel ihrer Untertanen werfen. So kommt eine Frau aus Nürtingen 4 Monate nach Stuttgart ins Arbeitshaus wegen des „Umgangs" mit einem Mann ohne den Segen der Kirche.

 

1736 – 1742

Zum Ausbau der Festung werden die Akkordmänner, wie Maurer, Speismacher, Steinführer, Zimmerer u.a., die freies Quartier und weitere Privilegien genießen, meist von weit her verpflichtet und wohnen teils innerhalb der Festungsanlage (sie bekommen eine kostenlose Bettstatt mit Strohsack – Stroh und Holz müssen sie freilich selbst kaufen!), teils in den Nachbarorten, die wiederum verpflichtet sind, Hilfskräfte in Fron zu stellen und Spanndienste zu leisten. Im genannten Zeitraum sind auf dem Hohenneuffen die Maurermeister und Bauleiter Melchior Schenzler aus Zwiefalten, Anton Beyrer, Friedrich Sterr und Jakob Frey aus dem Bregenzer Wald als Festungsbauer tätig. Ihnen unterstehen zeitweise bis zu 300 Bauarbeiter, größtenteils wegen Vergehen oder Verbrechen inhaftierte Gefangene. Die Baumaterialien, wie Kalk, Sand, Backsteine (es gibt eine eigene Ziegelei), Floßholz und Schnittware werden ihnen gestellt, ebenso werden ihnen Schanzzeug und Pulver überlassen, und das Vieh für das Fuhrwerk dürfen sie auf die herrschaftliche Weide treiben – freilich nicht auf dem Festungsberg, der dem Vieh des Kommandanten vorbehalten bleibt, worüber dieser mit Argusausgen wacht. Das Ganze ist dennoch kein Honigschlecken, auch für die bezahlten Arbeiter nicht, zumal oft der Sold ausbleibt, Baumaterial fehlt oder die Bauarbeiter „streiken", indem sie langsam arbeiten.

 

1730

König Friedrich Wilhelm I. von Preußen (der „Soldatenkönig") ist mit seinem Sohn Karl Friedrich (dem spä-teren Friedrich dem Großen) als Gast von Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg auf dem Hohenneuf-fen. Von der schönen Aussicht hell entzückt, äußert der König zum Herzog: „Württemberg ist zwar nicht groß, aber eines der herrlichsten Lande im ganzen deutschen Reich!" Auf dem Hohenneuffen sind zu dieser Zeit viele vornehme Arrestanten inhaftiert, die bei der Gräfin von Würben, wie sich die Grävenitz titulieren läßt, der „Landverderberin", wie sie jedoch im Volke heißt, in Ungnade gefallen sind. Der Hohenneuffen wird deshalb vom Volke hinter vorgehaltener Hand auch „Herrenberg" genannt. Auf die Fürsprache des Königs hin werden zahlreiche auf dem Neuffen arrestierte Adelige freigelassen, und auf seine Veranlassung hin wird das Staatsgefängnis schließlich aufgelöst.

 

20. 3. – 30. 4. 1737

Kaum ist sein Mentor, Herzog Carl Alexander, gestorben, kommt der Geheime Finanzrat Joseph Süß Oppenheimer nun selbst als Gefangener auf den Neuffen. In einer Kutsche, unter der strengen Bewachung von einem General, 2 Offizieren und 60 Dragonern, wird der Festgenommene durch Nürtingen, wo das Kommando im „Ochsen" für 27 fl und 22 kr (Kreuzer) speist, und durch Neuffen auf die Festung verbracht. Seine und die Einlieferung weiterer Missetäter (Expeditionsrat und Landschreiber Bühler und Expeditions-rat Hallwachs) auf der Festung wird vom Festungskommandanten und –baumeister Anton Herbort ganz lakonisch folgendermaßen beschrieben: „1737 Marti 30. Der Jud Süß Oppenheimer, welcher bei dem hoch-sel. HE. Carl Alexander geheimer Finanzy. Und ein absolutes pouvoir im Land hatte, ist als Staatsgefangener überliefert worden, unter obigem Dato ist auch der Expeditionsrath und Landschreiber Bühler als Staats-gefangener überliefert worden, und auch mit obigen Zweyen der Exped.-Rath Hallwachs; . . ."

Oppenheimer sitzt dort, wahrscheinlich in einem der Verliese im Arrestantenturm (wohl kaum im Arre-stantenbau, selbst wenn in einem Artikel zu lesen ist, er habe seinen eigen Koch für koschere Küche mit-bringen dürfen) für gerade einmal 40 Tage ein, danach für 9 Monate auf dem Hohenasperg.

Schon seit Mitte März hat die Inquisitionskommission ihre Tätigkeit aufgenommen und u.a. folgendes be-schlossen: Abführung des Joseph Süß Oppenheimer nach HohenNeuffen, Arretierung seiner Bediensteten, „Obsignierung der Effekten" in seinem Haus, Anzeige seiner sonst vorhandenen Effecten, „Inventarisie-rung" allgemein, einschließlich „Victualien", Weine und Litteralien. Nach einem „Schauprozeß", bei dem das Todesurteil wohl schon von vornherein feststeht, wird er am 4. Februar 1738 in Stuttgart vor 12.000 Zuschauern auf extra errichteten Tribünen wegen Hochverrates gegen den Regenten und den Staat am Goldmachergalgen gehenkt. Das war jener Galgen, an dem schon der verschwenderische und deshalb geld-gierige Herzog Friedrich I. vier von mehreren von ihm bestellten und fürstlich bezahlten (!) Alchimisten henken ließ, die geprotzt hatten, Gold machen zu können, dieses Versprechen natürlich nicht halten konn-ten (1597 bis 1606).

Süß Oppenheimer, der seinem verstorbenen Herzog Carl Alexander nach merkantilistischen Prinzipien, aber eben ohne Zustimmung der Stände, durch immer neue Steuern und Abgaben, durch angebliche Geld-verschlechterung, Ämterpatronage und undurchsichtige Geschäfte immer neue Geldquellen für dessen ver-schwenderische Hofhaltung und opulente Bautätigkeit erschlossen hat, ist nach dessen Tod vom Finanz-genie zum Sündenbock gestempelt worden, der beim Volk als Alleinschuldiger für die enorme Staatsver-schuldung zu gelten hat. Er soll seinem Herrn in weniger als 2 Jahren mehr als 500.000 fl verschafft haben. U.a. durch eine Zwangsanleihe in Höhe von 22.000 fl vom Nürtinger Spital, dem reichsten in Württemberg. Oder durch den Verkauf von Titeln, Ämtern und Diensten. Er selbst hinterläßt ein Vermögen von 65.000 fl. Der Vormund des jungen Herzogs Carl Eugen meint zu dem Prozeß: „Dies ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jude für Christenschelme die Zeche bezahlt."

Dies entsprach natürlich nicht ganz der Wahrheit, wie wir heute wissen. Denn schon immer mußten „die Juden" – nicht nur in Württemberg – für ihren Glauben im Wort- und übertragenen Sinne „bluten".

Keiner der Anklagepunkte, Hochverrat, Ämterhandel, Bestechlichkeit, kann bewiesen werden. Das Todes-urteil richtet sich eigentlich mehr gegen die Politik des verstorbenen Herzogs als gegen die Person Oppen-heimers. Und seine ihm zur Last gelegten Frauengeschichten werden rasch unter den Teppich gekehrt, als sich herausstellt, daß sich unter seinen Verhältnissen auch Damen der Ehrbarkeit befinden. Zur Abschre-ckung bleibt der Leichnam von Oppenheimer 6 Jahre lang am Galgen hängen!

Unser heutiges, äußerst negatives Bild von ihm ist geprägt durch die einseitige, von der Obrigkeit damals veranlaßte Veröffentlichung der Prozeßakten, durch zahlreiche Flugschriften, vor allem aber durch die einseitige Darstellung im 3. Reich und hier besonders durch den Film von Veit Harlan „Jud Süß". Dabei hat Oppenheimer durchaus einige Reformen auf den Weg gebracht, die man sogar als modern bezeichnen kann. So ordnete er das Finanzwesen, wendete den Staatsbankrott ab und veranlaßte die Gründung einer ersten Bank.

 

um 1740

Die normale Besatzung soll noch 24 Mann betragen haben. Zuweilen ist diese Zahl so gering, daß die Mann-schaft nicht einmal mehr zur Bewachung der Gefangenen ausreicht. Da diese auch in den Außenwerken arbeiten, können immer wieder einmal, trotz „Schellenwerks" (eine Kappe mit Glöckchen soll Fluchtver-suche vereiteln), einige von ihnen fliehen. Wiederum vermerkt es Herbort in aller Seelenruhe in seinem Tagebuch, und auf eine etwaige Verfolgung findet sich nicht der geringste Hinweis. Doch schließlich hat er den Bogen überspannt und erhält 1742 einen strengen Verweis vom Herzog, weil er den „Erzbösewicht" Laferne und den „Totschläger" Joh. Schneider aus Kiebingen hat entkommen lassen.

Dabei ist der Strafvollzug der Besatzung jeweils genau vorgeschrieben: Neben der Karrenstrafe und dem Schellenwerk gibt es noch die Arbeit in „Springern", d.h. mit Fußeisen. Üblich ist auch die Prügelstrafe. So erhält der Ankömmling „zur Begrüßung" die „Patschhand", 5 bis 10 Schläge mit dem Farrenschwanz auf den Allerwertesten. Diese Prozedur wird bei der Entlassung wiederholt, was dem Sträfling besonders weh-tut und dies nicht nur körperlich! Denn, wenn er wieder daheim ist und z.B. in der Kirche nicht richtig sitzen kann, kennt natürlich jeder den einschlägigen Grund! Auch die Strafe selbst kann auf regelmäßige Züchti-gung lauten. „Den 18. Febr. Ist Jakob Braun von Höfen wegen würcklich vollbrachten auch Theilnehmung eines Diebstahls auf ein halbes Jahr zwar ohne Springer, doch dass selbiger alle Monat zu mehrerer Züchti-gung geprügelt werden soll auf hiesiger Vöstung ad operas publicum condemniert worden."

Die Verpflegung der Arrestanten besteht zu der Zeit, sofern die Angehörigen nicht selbst dafür sorgen, aus Brot, täglich 2, später 3 Pfund, zu dem gelegentlich eine warme Suppe ausgegeben wird.

In den Gefängnislisten sind allein zwischen 1736 und 1743 gegen 300 Männer und Weiber aufgezählt, die wegen Straftaten wie Diebstahl, Unterschlagung, Fälschung, Wilderei, Ehebruch, Aufruhr, Schlägerei, Be-trug, Falschmünzerei, Notzucht, Mord, Raub, Gotteslästerung, unbefugter Soldatenwerbung, Geisterbe-schwörung, Bigamie, Hausfriedensbruch und anderen ihre Strafe auf dem Hohenneuffen verbüßen müssen.

Namentlich bekannte Gefangene unter Carl Eugen sind: Oberamtmann Schleich aus Dornstetten, Profes-sor Helferich, weil er sich gegen die neue Militärsteuer ausgesprochen hat, Hofrat Renz und 4 Bürger aus Pfullingen, weil sie sich erkühnt haben, den Herzog bei einer Jagd mit einer Bittschrift zu belästigen. Diese „haben sich wider das Verbott unterstanden, Serenissimum während der Jagenlust mit Überraichung einer Supplique zu incommodieren, wesswegen sie auf 1 Monat lang anhero condemniert worden sind."

Außerdem wird ein Sergeant Stieff verurteilt, weil er für das königliche Preußen Soldatenwerbung be-trieben hat. Er wird mit einer Kette an eine Eisenkugel geschmiedet und muß Schanzarbeiten verrichten. Als er zu fliehen versucht, stolpert er über seine eiserne Fußfessel und verletzt sich dabei so schwer, daß er bald darauf stirbt.

In den letzten Jahrzehnten ist der Hohenneuffen nicht mehr als Gefängnis in Gebrauch (s.o.). Die Delin-quenten kommen nun meist auf den Hohenasperg. Und wenig später, 1801, wird die ehedem stolze Feste aufgegeben, geschleift, und ist damit nach 300 Jahren als (Staats-) Gefängnis und rund 700 Jahren zum Teil bedeutender Geschichte selbst nur noch Geschichte.