Führungen

Von April bis Oktober regelmäßig an jedem 3. Sonntag im Monat nach der "Kirche im Grünen" gegen 11.45 Uhr, Dauer ca. 1 Std. 

Für interessierte Gruppen (Geburtstage, Hochzeiten, Jahrgänge, Jubiläen, Ausflüge, Schulklassen, Firmenveranstaltungen, etc.) bieten wir auch Führungen nach Vereinbarung an.
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Das Jahr ohne Sommer

Vor einigen Wochen wurde in einer Quizsendung eines öffentlich-rechtlichen Kanals u.a. eine Frage nach dem „Jahr ohne Sommer“ gestellt. Die Kandidaten wußten die Antwort nicht. Deshalb hier nun eine etwas ausführlichere Antwort dazu, die wohl viele verblüffen wird. Denn sie zeigt einen direkten Bezug zu unserer Region auf, obwohl sich das auslösende Ereignis doch tausende Kilometer weit entfernt, in der Südsee, zutrug.

Für die hier ansäßigen Menschen spielten diese Ereignisse vordergründig  jedoch überhaupt keine Rolle. Für sie war entscheidend, daß es kaum noch Nahrungsmittel gab und, wenn überhaupt, daß diese nahezu unerschwinglich waren. Dabei lag die letzte europaweite Hungerkatastrophe, der katastrophale 30jährige Krieg, gerade einmal 170 Jahre zurück!

Die daran anschließenden, locker aneinander gefügten Begebenheiten vom Hohenneuffen, aus Neuffen oder aus dem Amte Neuffen sollen ein möglichst breit gefächertes Bild der Zeit zeichnen, zum Verständnis der damals handelnden Personen und ihrer Beweggründe beitragen und vielleicht sogar noch bis heute gültige Tatsachen erklären. I.a. haben sie alle direkt oder indirekt mit der Gegend zu tun und sind, wenn nicht amüsant oder gar kurios, zumindest nachdenkenswert.

All dies und noch viel mehr können Sie sich im Stadtmuseum Neuffen in Ruhe betrachten und nachlesen oder an den Öffnungstagen bzw. zu anderen, mit den Museumsbetreuern vereinbarten Terminen von diesen erzählen lassen. 

 

Das Volk hier in Württemberg muß ab 1816 fünf Hungerjahre durchleiden, weil das Wetter verrückt spielt. Heute sind sich die Wissenschaftler sicher, daß die Erruption des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa in der Südsee (eine der Kleinen Sundainseln) im April 1815 die Ursache für das katastrophal schlechte Jahr 1816 war, das „Jahr ohne Sommer“, aber auch für das darauf folgende!

Denn dieses beschert ein extrem kaltes Frühjahr, einen anhaltend naßkalten Sommer mit Gewittern, Hagelschlag und Überschwemmungen und den ersten Schnee im Sommer, der oftmals vom Vulkanstaub braun gefärbt ist. Dabei sei der Neujahrstag heiß wie im Hochsommer gewesen. In der „Chronica von Reutlingen“ heißt es dazu: „1816: Mai und Juni fast täglich Regen und Gewitter, so daß die Äcker ersoffen und Weinberge rutschten. Der Scheffel Dinkel, den man noch um Pfingsten um 5 bis 6 Gulden kaufte, kostete im Juli schon 12 bis 15 Gulden. Den 31. Juli schneite es auf der Alb. . . 1817: . . . Viele Leute verkauften Hausrat und Betten, um sich und ihren Kindern Brot zu kaufen . . . Die Leute kochten sogar Schnecken und Roßfleisch. . .“ Denn wiederum sind die Kartoffeln ob des monatelangen Regens schlecht geraten und verfaulen auf den Äckern. In den Monaten Mai bis September 1816 zählt man in Württemberg nicht weniger als 95 Regentage. Das Getreide steht noch im Herbst unreif auf dem Halm, und der Wein ist von einer ungenießbaren Säure, falls überhaupt eine Weinlese stattfinden kann. Viehseuchen und Mäuseplage verschlimmern die Katastrophe weiter. Viele Tiere gehen ein oder müssen wegen Futtermangels notgeschlachtet werden. Kälte, Hagelschauer und heftige Gewitter werden noch bis ins Jahr 1819 zu drastischen Ernteausfällen führen. Die Schweiz, Süddeutschland, Österreich, aber auch die französischen Alpen sind die hauptbetroffenen Gebiete.

Hier sei noch angemerkt, daß wegen des Vulkanausbruchs in den folgenden Jahren sehr viel Staub, Asche usw. die Erde umkreist (wie im Jahr 2010 durch die Eruption des isländischen Vulkans mit dem unaussprechlichen Namen), was nicht nur zu verminderter Sonneneinstrahlung und zu einer klimatischen Verschlechterung, sondern auch zu ganz besonderen Naturschauspielen wie atemberaubenden Sonnenuntergängen in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen, führt. Damit versteht man, daß die Bilder des Malers William Turner nicht allein seiner Phantasie entsprungen sein mögen. . . Ähnliches wird übrigens von Eduard Munchs „Der Schrei“ behauptet (Ausbruch des Vulkans Krakatau 1883), und am Genfer See erweckt die Engländerin Mary Shelley, inspiriert von der allgegenwärtigen Tristesse aus Dauerregen und Dunkelheit, ihren unsterblichen „Frankenstein“ zum ewigen Leben.

In den Hungerjahren wird die Straße am Rübenrain gebaut, der bis zu 17 % steile Stich zwischen Kappishäusern und Dettingen/Erms. Weitere Neuffener wandern wegen des unabwendbaren Lebensmittelmangels aus; darunter das Ehepaar Martin Rauner (Taglöhner) nach Südrußland und Frau Maria Barbara geb. Schall mit ihren 4 Söhnen, Schwester des 1843 in Polen für verschollen erklärten Bauern und Bäckers Johann Michael Schall. In der Quarantäne in Odessa stirbt freilich die Ehefrau, und bald folgen ihr 3 der 4 Söhne nach!

Weil die durchziehenden Truppen die letzten Vorräte aufgebraucht oder mitgenommen haben, mischen die Leute in ihrer Not Gras, Klee, Heublumen, Heu, gemahlenes Stroh, Kleie, Wurzeln, ja sogar Baumrinde und Holzspäne unter ihr weniges, noch vorhandenes Mehl. Es ist die Zeit der „Hungerbrötchen“, die die knurrenden Mägen wenigstens ein bißchen füllen sollen. Normalerweise deckt Getreide zu etwa 80 % den Nahrungsmittelbedarf der Bevölkerung. Doch die staatlichen Lagerhäuser sind leer. . . . So wird auch dort das wenige Mehl mit Kleie und Sägemehl „gestreckt“. Vor allem Kinder, Kranke und Alte verhungern. Die Regierung erläßt Ausfuhrverbote für Lebensmittel. Wucherer nützen die Notlage schamlos aus. Die wenigen vorhandenen Lebensmittel werden zu horrenden Preisen gehandelt. Die Preise für Lebensmittel steigen um das 3- bis 5fache. Hatte einst ein Scheffel Dinkel 4 bis 5 Gulden (fl, von Florentiner) gekostet, so steigt der Preis nun über 15 sogar bis auf 45 fl. Ein Ei kostet 3 Kreuzer (x), das ist ein Zehntel des Tagesverdienstes eines Tagelöhners, ein Pfund Butter bis zu 52 x – mehr, als ein Maurer am Tag erhält. Ein „8-Pfünder-Laib“, früher für 13 x zu haben, kommt nun auf 52 – und ist jetzt zudem um 2 Pfund leichter! Auch wegen dieser ersten „Inflation“ im Lande steigen die Ausgaben der Amtsschreiberei Neuffen für die Armenfürsorge in schwindelerregende Höhen. Der jeweilige Armenbericht für Neuffen, vom Dekan und Amtmann unterzeichnet, weist nicht nur nach, was die jeweiligen Personen aus „öffentlichen Cassen“ beziehen, sondern verdeutlicht auch die Wichtigkeit des Nürtinger Spitals, auch für die Armenfürsorge in Neuffen. Das Land muß für 200 Millionen fl Getreide aus Rußland einführen, um der Hungersnot wenigstens in Ansätzen begegnen zu können! Die neuen sozialen Errungenschaften, die Königin Katharina 1817 auf den Weg bringt, können die Not kaum lindern, so z.B. die Gründung einer „Zentralstelle des landwirtschaftlichen Vereins“. Gassenbettel und vagabundierende Handwerksburschen werden zur Landplage. Owen muß deswegen einen zweiten Feldhüter einstellen. Die Erfindung der Draisine soll der Hungersnot zu verdanken sein, den deshalb steigenden Haferpreisen und der daraus resultierenden Notwendigkeit, einen Pferdeersatz zu finden.

Als Ende Juli 1817 die Ernte nach mehreren schlechten Jahren endlich wieder besser ausfällt (trotz Schnees im April), fahren unter dem Jubel der Bevölkerung die ersten hochbeladenen Erntewagen bekränzt in Stuttgart ein, werden vielerorts Freudenfeste gefeiert. Die Auswanderungswelle hält freilich nahezu unvermindert an. So verlassen allein zwischen Januar und Juli 1817 mehr als 17.200 Württemberger das Land, hauptsächlich in Richtung Rußland und Amerika.

 

Anhang 1: (Volks-) Festliches + Mammutbäumliches

Friedrichs Nachfolger, sein ältester Sohn, König Wilhelm I. (1816 – 1864), „gewährt“ dem Land 1819 eine Verfassung – gegen den erbitterten Widerstand der alten „Ehrbarkeit“ und der Landstände (des württembergischen Landtags) – und führt die althergebrachte kommunale Selbstverwaltung 1818/22 wieder ein. Er fördert die Industrialisierung und als „König der Bauern“ auch Landwirtschaft, Weinbau und Pferdezucht. Die Gründung der Universität Hohenheim und des Landwirtschaftlichen Hauptfestes auf dem Cannstatter Wasen, des Vorläufers des Volksfestes, gehen auf ihn zurück. Unter ihm werden neue Anbau- und Produktionsmethoden eingeführt, modernere Ackerbaugeräte und Naturdünger benützt und besseres Saatgut und Zuchttiere eingesetzt.

Ihm ist auch die Anpflanzung zahlreicher Mammutbäume im Land (so auch bei Linsenhofen und Beuren) zu verdanken, wovon er sich, des schnellen Wachstums wegen, eine reiche Holzernte verspricht. Damit steht Württemberg, was diese Baumriesen anbelangt, in Deutschland nahezu einzigartig da, denn in den anderen Bundesländern trifft man nur ganz vereinzelt Mammutbäume an. Die Samen fast all dieser württembergischen Mammutbäume werden 1864 in der Stuttgarter Wilhelma angezogen. (Siehe dazu auch Museums-Tafel 8!) Vielleicht veranlaßt der König sogar die Veröffentlichung einer ersten Artikelserie „Merkwürdige Waldbäume“ im Königreich Württemberg in den Jahren 1850 bis 1856. Doch auch eine bisher nicht gekannte Gewerbeförderung und die Industrialisierung sollen sein Land zukunftsfähig machen. Zudem läßt König Wilhelm den Königsbau, die Villa Berg, das Wilhelma-Theater, Schloß Rosenstein und das Wilhelmspalais erbauen.

 

Anhang 2: Karto- und Geographisches

Im Zuge der Neugestaltung Württembergs nach der flächenmäßigen Aufstockung und der Umwandlung zum Königreich ist eine komplette Neuordnung des Grundkatasters zur Erhebung der Grundsteuer notwendig. Dazu erfolgt durch Prof. Bohnenberger im September und Oktober dieses Jahres eine penible Vermessung der langen, schnurgeraden Straße zwischen Schloß Solitude und Ludwigsburg als Basislinie für alle weiteren Arbeiten. Sie mißt exakt 13.032,7 m und dient zur genauen Maßstabsbestimmung des von Bohnenberger neu berechneten trigonometrischen Netzes in Württemberg, seinem eigentlichen Lebenswerk. Nach wie vor ist der Hohenneuffen dank seiner herausragenden Lage einer der wichtigen trigonometrischen Meßpunkte im Lande.

Schließlich ergeben sich 15.572 Flurkarten im Maßstab 1:2.500 und 304 Ortskataster im Maßstab 1:1.250 sowie 55 Blätter vom „Topographischen Atlas“ im Maßstab 1:50.000.

Erneut beschädigt 1820 starker Eisgang das Neckarwehr bei Nürtingen.

Neuffen ist nach wie vor ein Städtchen ohne Entwicklungsmöglichkeiten; eine Stadt von 134 im Königreich. Doch nur 6 von ihnen überhaupt zählen mehr als 6.000 Einwohner und besitzen damit sozusagen (groß-) städtisches Flair, auch wenn uns diese Angaben heute nur ein müdes Lächeln entlocken: Stuttgart, als Haupt- und Residenzstadt, liegt mit 26.300 mit Abstand an der Spitze, es folgen Ulm (11.400), Reutlingen (9.000), Heilbronn (6.800) und Tübingen (6.600); Neuffen mag an die 1.600 haben. An dieser Stelle könnte man kurz innehalten und an die gewaltige Bevölkerungszunahme, ja geradezu -explosion, überall in den nächsten knapp 200 Jahren denken und die damit zwangsläufig verbundene stürmische Entwicklung. Um 1820 jedenfalls gibt es, wie gesagt, 134 Städte, rund 1.700 Dörfer und 800 Weiler. Dementsprechend existieren gerade einmal 12 Lateinschulen, 3 Lyzeen, 7 Gymnasien, 9 Realschulen und 2.125 Volksschulen.

Im Königlich-Württembergischen Urkataster, im Maßstab 12.500, aufgenommen von den Geometern Hurlebaus und Roller im Jahre 1826, sind erstmals die genauen Besitzverhältnisse in und um Neuffen kartographisch erfaßt und dargestellt. Auffallend überall die u.a. von der berühmt-berüchtigten „schwäbischen Erbteilung“ herrührenden, kleinteiligen Grundstücks-Parzellen, z.B. die langen, schmalen Streifen (= Krapfen ) im Gewand Krapfenäcker. Sie machen ein rationelles Arbeiten mit immer moderner werdenden Maschinen nahezu unmöglich und führen auch immer wieder zu Streitigkeiten, weil die Besitzer aufeinander Rücksicht nehmen und sich untereinander absprechen müssen. Aus diesem Grund gibt es für die Benutzung der Feldmarkung genaue Regelungen, „Flurzwang“genannt. Der Anbau der Früchte wird wie seit alters her nach der „Dreifelderwirtschaft“ durchgeführt. Die gesamte Feldflur ist in sogenannte „Ösche“ eingeteilt, auf einem davon werden Hackfrüchte, also Kartoffeln oder Rüben, angebaut, auf dem nächsten das Wintergetreide und im dritten „Ösch“ das Sommergetreide. Innerhalb dieser 3 Flächen, sie werden in anderen Gegenden „Zelgen“ genannt, muß natürlich jeweils das Gleiche angebaut werden, wechselt der Anbau jährlich turnusmäßig. Wenn Grundstücke keinen öffentlichen Zufahrtsweg haben, wird der Zugang durch ein meist uraltes Überfahrtsrecht geregelt, das fast überall noch heute gilt.

Allgemein darf man nach Martini, dem 11. 11., bis zum 1. April „übereingehen“ und „-fahren“. Mit dem Übereinfahren in dem erlaubten Zeitraum gibt es jedoch so seine Schwierigkeiten, da es in dieser Jahreszeit meistens naß ist und dadurch oft Schaden an den benachbarten Feldstücken angerichtet wird.

Im übrigen ist in Balzholz und Beuren zu dieser Zeit (und noch bis 1907) die kleinteilige Parzellierung am weitesten im Oberamt fortgeschritten. Dabei kann erst bei einem Grundbesitz ab etwa 5 Morgen von einem Haupterwerbslandwirt gesprochen werden. Zudem sind in Beuren die Böden „verhältnismäßig sehr beschränkt“. Deshalb sind auch die Ackerpreise recht hoch; „ein Morgen geringerer Lage wird mit 200 fl, ein guter mit 500 fl, die besten sogar mit 800 – 1000 fl bezahlt“.

In den Karten der Zeit sind noch etliche, heute nicht mehr existierende Neuffener Weinberge eingezeichnet, die teilweise bis dicht an die Wohnbebauung heranreichen: im Westen die Ebnet-, die Wannen- und – etwas weiter entfernt – die Dalzhaupt-Weinberge, im Osten fast der gesamte Zwillberg, direkt darunter gelegen die sich von den Taschet-Wiesen bis zum Steinriegel erstreckenden Weinberge, die sich fast bis an die heutige Paulusstraße herunterziehen, nördlich davon die Weinberge unterhalb vom Hardt-Wald und schließlich im Süden die Unteren Eichberg-Weinberge, die sich beinahe bis an die heutige Straße nach Hülben ausdehnen. Einige dieser alten Wengerte kann man im Gelände anhand einzelner, alter Weinbergmäuerchen noch gut erkennen, andere existieren höchstens noch in der Erinnerung der alten Leute und auf alten Flurkarten.

 

Anhang 3: Königliches + Schwäbisches dürfen nicht fehlen

König Wilhelm besucht mit seiner (dritten) Gemahlin Pauline Anfang Mai 1822 Neuffen und den Hohenneuffen. Der König höchstpersönlich lenkt eine zweispännige Kutsche von Stuttgart nach Neuffen und die alte Steige hinauf bis unter die Ruine. Von dort gehen die hohen Herrschaften zu Fuß in die ehemalige Festung und genießen die prächtige Aussicht. Zwar werden auf ein Königswort hin die sumpfige Molach und die Fohlenweide „urbar“ gemacht. Ebenso wird ein Voranschlag erstellt, wieviel es kosten würde, die Mauern der Ruine wiederaufzurichten. Doch aus „grundsätzlichen Erwägungen“ heraus kann dieser schöne [und schön teuere] Plan aber nicht verwirklicht werden.

Nach einem ausgiebigen Mahl begibt sich das königliche Paar zu Fuß über die Schloßsteige nach Neuffen und stiftet dort 100 fl für den Schuhkauf, weil ihm unterwegs so viele barfuß gehende Kinder auffallen. „Das war ein Festtag für Neuffen und wird der ganzen Umgebung unvergeßlich bleiben!“

Gustav Schwab veröffentlicht im folgenden Jahr 1823 sein bekanntestes Werk über die Schwäbische Alb, das ihn berühmt machen wird, und viele Besucher wollen selbst mehr als nur einen Blick auf „Die Neckarseite der Schwäbischen Alb“ werfen. Der offensichtlich sehr enttäuschte Gustav Schwab verzichtet bei seiner wohl zwischen 1810 und 1820 gemachten Albwanderung weitgehend darauf, das Innere der Festungsruine genauer zu durchstreifen. Darüber schreibt er: „Wer von innen die höchste Höhe erklimmen und die eingefallenen Kasematten, Häuser und Kasernen durchstöbern will, mag sich seinen mühsamen Weg selber suchen. Wir halten uns bei diesen Massen und Steinhaufen, die weiter hinauf weder mahlerisches noch alterthümliches Interesse haben, nicht lange auf.“

Dennoch ist nicht zu übersehen, daß in diesen Jahren das Interesse an den Naturschönheiten der Alb und ihren

romantischen Burgruinen einsetzt. Das noch kaum erschlossene Gebirge wird als Reiselandschaft entdeckt, und die ersten Touristen genießen die Fernsicht vom Hohenneuffen. Und so kommt es, daß sich so mancher Tübinger Burschenschaftler auf den aus heutiger Sicht beschwerlichen und lang anmutenden Fußmarsch über Reutlingen und Metzingen auf den Neuffen (und natürlich auch zurück) begibt. Und wenn er nicht besonders dünkelhaft ist, nimmt er dabei sehr gerne das Angebot wahr, mit einer Kutsche, ja selbst mit einem Kuhgespann, ein Stück des Wegs mitfahren zu können! Und so kommt es auch, daß sich zahlreiche Maler und Zeichner die „Schwabenalp“ zu ihrem Sujet auserkoren haben und in dieser Zeit viele hübsche Kunstwerke entstehen (s.u.)! – Der Arzt und Dichter Justinus Kerner, dessen Vorfahren Zuwanderer aus dem Salzburger Land waren (siehe Museums-Tafel 4, 1500 – 1730), ist schon zu Studienzeiten mit Gustav Schwab und Ludwig Uhland befreundet. Daraus entwickelt sich später der Kern der Schwäbischen Dichterschule.

 

Anhang 4: Dazu etwas Tierisches + Pflanzliches

Einrichtung einer Schafwäsche („Sturzwäsche“) hinter dem Großen Haus am Bach, die sehr stark frequentiert wird, weil das Wasser der Steinach etwas wärmer und weicher ist als das in den Nachbartälern und eine „vorzügliche Reinheit der Wäsche“ ergibt. Dabei stehen die Schafwäscher in offenen Zubern im Bachbett, während die Schafe, von der Schafgasse her kommend, zu ihnen durchs Wasser getrieben werden. Hier wird anfänglich 12 bis 15.000 Tieren, später jedes Jahr rund 30.000 Tieren das Fell gewaschen, was nicht nur einer sauberen Wolle, sondern vor allem der Entfernung von Ungeziefer dient. Dies findet sogar königliche Anerkennung. Denn bald werden die Merinoschafe des königlichen Privatgutes auf der Achalm ebenfalls in Neuffen gewaschen.

In Linsenhofen wurde die erste Schafwäsche im Täle sogar 3 Jahre früher, schon 1820, eingerichtet, Frickenhausen folgt etwas später, 1835, nach. – In der Schafwäsche bei Bissingen an der Teck gehen die Wäscher bis zu 50.000 Tieren jährlich ans Fell! Das Waschen und das Wollscheren bringen ein kleines Zubrot in die jeweiligen Orte. Hier ist auch der Ursprung des Ausdruckes „Schafkälte“ zu suchen. Denn wenn es Anfang Juni genau dann noch einmal kalt wird, wenn die Schafe gewaschen und geschoren werden, überleben manche Lämmer diese Prozedur nicht.

Der Schäferei ist das Kulturland Neuffener Heide zu verdanken, das sich hauptsächlich an der südwestlichen Flanke des Hohenneuffen vom Wald oberhalb des Schelmenwasens bis an die Weinberge und unterhalb des Barnbergs sowie auf der gegenüberliegenden Talseite am Kohlberger Teil des Jusi erstreckt. Die Schafe fressen mit Vorliebe junge Triebe. Damit verhindern sie, daß sich Büsche und Sträucher ausbreiten, wodurch seltene Pflanzen Licht, Lebensraum und Nährstoffe zum Wachsen bekommen. Der Weidewirtschaft ist es folglich zuzuschreiben, daß sich hier eine ganz außergewöhnliche Lebensgemeinschaft seltener Pflanzen und Tiere gebildet hat. Erwähnt seien beispielhaft nur der Neuntöter und die Orchideen, wie Hummelragwurz oder Bienenragwurz.

 

Anhang 5: Ein bißchen Wässriges

Steinach heißt der Neuffener Bach eigentlich erst nach dem Zusammenfluß mit dem Dentelbach (nahe der bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts dort befindlichen mittleren Mühle, heute hinter den „Hochhäusern“ der Nürtinger Straße), der kurz zuvor über eine Stufe im Eisensandstein 4 bis 5 Meter herabstürzt. Er entspringt in Gewinden, rund 500 m hoch, nimmt in seinem Lauf von links den Spadelsbergbach, das Bächlein der Nußstelle und – wie gesagt – den Dentel auf, von rechts den früher einmal aus der Bauerlochhöhle quellenden Dürrenbach und nach dem Ort bei der gerade neu zu bauenden Zufahrt zu den Taschetwiesen das Hardt-Bächle, beim Parkplatz rechts der Straße mit dem kleinen Wäldchen ein paar hundert Meter vor Linsenhofen den Balzholzer und schon im Ort den Beurener Bach und verläßt auf einer Meereshöhe von 355 m direkt vor Linsenhofen die Markung.

Der Dürrenbach entsprang in früheren Jahren in der Bauerlochhöhle. Die vor einigen Jahren wegen einer Fledermauspopulation durch ein Gitter gesicherte Höhle soll noch bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts immer wasserführend gewesen sein. Sie liegt auf 590 m NN in der gleichnamigen Schlucht an der Grenze der Impressamergel und der Wohlgeschichteten Kalke und ist 142 m lang. Heutzutage fließt der Dürrenbach nur noch in Zeiten sehr hohen Wasserstandes aus ihren Mundloch, z. B. nach einem heftigen Gewitter auf der Alb. Der hintere Teil ab etwa 65 m war und ist immer trocken. Die Quelle des Dürrenbachs tritt heute viel tiefer, auf etwa 520 m NN, aus. Fast benachbart, jedoch viel höher, liegen die Molachhöhle (auf 710 m NN mit 12 m Länge) und oberhalb der Neuffener Steige die Barnberghöhle (680 m NN mit 46 m Länge; s.u.), sowie – etwas entfernter – auf der Nordseite des Hohenneuffen bei Erkenbrechtsweiler im gleichnamigen Felsen die fast schon auf Erkenbrechtsweiler Markung liegende Wilhelmshöhle (670 m NN, Länge bis heute auf 168 m erkundet).

 

Anhang 6: Ein bißchen mehr Alkoholisches

Erst jetzt, 1824, nach dem anhaltenden Regenwetter, bewirkt ein königlicher Befehl, daß von nun an alle Standbutten durch einen Deckel verschlossen werden müssen, so daß die Qualität des Traubenmostes wesentlich verbessert und der Wein nicht weiter verwässert wird. Diese stehen aus Platz- und Zeitmangel vor der Kelter auf dem Kelterplatz parat. Dabei steht es mit der Qualität des württembergischen Weins keineswegs zum Besten! So ranken sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts um den „Württemberger“ nur noch Legenden, weil seine Weine den Verbraucher keinesfalls mehr zu Freudentränen, sondern ob seiner indiskutablen Qualität höchstens noch zu Tränen des Mitleids oder des Erbarmens rühren. Guten „Württemberger“ kennt man nur noch vom Hörensagen – und das, obwohl 200 Jahre zuvor die köstlichen Tröpfchen aus Württemberg sogar an den Höfen zu Wien oder Windsor Castle gefragt waren! Vielleicht ist selbst heute noch das Urteil über den Wein der Gegend bekannt: „Neckerwein ist Schleckerwein!“

Doch wo die Not am größten ist, da ist oft die Rettung nicht weit. Die Retter sind patriotisch gesinnte Männer – und Weinkenner und Weinliebhaber, die sich über die Verbesserung der Weinqualität ihre Gedanken gemacht haben. Einer davon ist der Maulbronner Hofprediger Balthasar Sprenger, der seine Überlegungen in einem dreibändigen Standardwerk zusammengefaßt hat. Doch erst unter dem „Landwirt auf dem Throne“, wie Wilhelm I. auch genannt wird, wird bei den Wengertern Aufklärungsarbeit geleistet und werden bessere Bewirtschaftungsmethoden angewendet. Ein weiterer, wesentlicher Schritt zur Verbesserung der Qualität ist die Abschaffung des Naturalzinses. Denn nun kommt es nicht darauf an, möglichst viel Wein zu produzieren, um nach Abzug der Abgabe möglichst viel Quantität übrig zu behalten, sondern darauf, möglichst hohe finanzielle Erlöse zu erwirtschaften – und das geht eben nur über eine Verbesserung der Qualität. Zudem werden die königlichen Weinberge im Rems- und Neckartal mit edelsten Rebsorten, wie Riesling, Traminer und Clevner angelegt, was auch bei privaten Weingärtnern aus Konkurrenzgründen Anreize für eine Verbesserung hervorruft.

In Linsenhofen experimentierte man schon 1825 mit dem Anbau von Riesling, und auf Betreiben von Schultes Johann Eberhardt legte die Gemeinde einen Musterweinberg mit Silvanerreben an. 1844 beziehen die Wengerter 4.000 Setzlinge aus dieser Anlage. Das führt dazu, daß sich um die Jahrhundertmitte überall der Silvaner durchsetzt. Nun gilt der Linsenhöfer „Sandwein“ neben dem Neuffener als das „vorzüglichste Gewächs“ am Albtrauf. 1845 wird ein Morgen der besten Lagen auf 2.400 fl geschätzt, ein Preis, der dem guter Weinberge an Rems und Neckar gleichkommt. In guten Jahren sollen in Linsenhofen bis zu 600 Eimer (also knapp 180.000 l) gekeltert worden sein, wobei der Eimer bis zu 44 fl einbrachte.

 

Anhang 7: Noch etwas Wirtschaftliches

Am 1. November 1832 besteht Neuffen aus 915 männlichen und 951 weiblichen Personen, insgesamt also aus 1866 Seelen.

Die alte Reichsstadt und ehemalige Hauptwidersacherin der württembergischen Grafen und Herzöge, Esslingen, ist die führende Industriestadt im Königreich Württemberg. Die alten Reichsstädte Heilbronn, Ulm und etwas später Reutlingen zählen zu den wichtigsten Industriezentren Württembergs.

Aber Württemberg mangelt es an Rohstoffen, besonders an Kohle zum Verhütten des vorkommenden Eisenerzes. Es gibt „nur Salz und Baumaterial“ (Holz). Seine wichtigste Energiequelle ist jedoch die Wasserkraft.

Deshalb erfolgt – mit ausdrücklichem königlichen Wohlwollen – durch Graf Friedrich von Mandelsloh, Forstmeister in Urach, eine Bohrung nach Steinkohle im Gaisweg. Dabei entdeckt er zwar keine Kohle, stellt aber bei Messungen am 26. und 27. Februar 1839 fest, daß die Erdtemperatur hier im Täle schon nach 11,1 m Tiefe um 1° Celsius zunimmt (und nicht, wie sonst, erst nach 33 Metern). Er entdeckt damit die sogenannte „Geothermische Tiefenstufe“ (s. Tafeln in Raum 1 des Stadtmuseums). Verantwortlich dafür ist der „Schwäbische Vulkan“, der somit für eine „kostenlose Fußbodenheizung“ im Neuffener Talkessel (und in der weiteren Nachbarschaft bis ins „Goißatäle“) sorgt. 1839 kommt der König höchstpersönlich, um die Bohrarbeiten zu inspizieren. Er schenkt der Bohrmannschaft 100 fl, ebenso bedenkt er die Neuffener Armen mit dieser Summe. Wenig später müssen die Arbeiten jedoch bei 1.192 Fuß Tiefe (= 341,5 m) in der obersten Keuperformation eingestellt werden, weil immer wieder Gestein nachstürzt und das Rohrgestänge bricht. Der Traum von einer auch dem Städtle Vorteile bringenden Kohleförderung ist damit sehr schnell wieder ausgeträumt! Zudem hat diese Probebohrung das Land genau 36.082 fl gekostet. – „Rekordhalter“ beim Temperaturanstieg ist übrigens Boll, wo die Zunahme um 1° Celsius schon nach 9,1 m erfolgt.

Neben dem Wein ist das Salz ein wichtiges Handelsgut. Doch Salz aus dem weit entfernten Reichenhall ist durch den langen Transportweg nach wie vor teuer, so daß in diesen Jahren die württembergische Salzförderung in den Salinen um Kochendorf, Friedrichshall, in Rottenmünster oder Schwenningen aufgenommen wird. Da die Geschäfte mit dem Salz im Tausch (Kauf /Verkauf) mit dem Wein dadurch nicht mehr so profitabel sind, verlagert sich der württembergische Weinhandel von den Hauptorten Esslingen und Heilbronn nach Frankfurt, wohin die meisten Weinhändlerfamilien aus unserem Großraum schon bis zum Ende des 18. Jahrhunderts abgewandert sind.

 

Anhang 8: Noch mehr Historisches

Graf von Mandelsloh ist es auch, der sich dafür einsetzt, daß der Hohenneuffen nach gut 30jährigem Zerfall und nach Benutzung als wohlfeilem Steinbruch nicht mehr weiter zerstört wird und zumindest in seinem augenblicklichen Zustand erhalten bleibt. Die Alb beschäftigt ihn so stark, daß er in Stuttgart im Herbst 1834 vor deutschen Naturforschern einen Vortrag mit dem Titel hält: „Über die geognostischen Profile der Schwäbischen Alb“. Daraus zitiert Schwab die uns heute skuril anmutende Erklärung von der Entstehung der Alb.

Auch der Stuttgarter Hofkartograph August Seyffer setzt sich für den Erhalt alter Geschichtsdenkmale ein. Insbesondere bedauert er die Zerstörung des Hohenneuffen, worüber er schreibt, daß König Friedrich seine Erhaltung als unnütz dargestellt hatte und er deshalb aufgegeben wurde. Holzwerk, Ziegel und Eisen verkaufte man, „weiter rissen es die Anwohner so zusammen, daß es kaum noch ein Schatten des Urbildes ist!“ Er erwähnt in diesem Zusammenhange auch die Burg Blankenhorn im Stromberg. Schon 1828 kam es übrigens zur Gründung einer „Gesellschaft für die Erhaltung der Ruine Reußenstein“. Als kleine Kuriosität am Rande sei vermerkt – um genau zu sein, am Rande knapp außerhalb des Altkreises Nürtingen, daß dieser den Reußenstein 1964 vom Landkreis Reutlingen erworben hat, 1965/1966 Maßnahmen zur Bestandsicherung durchführen ließ und deshalb bis heute für seinen Erhalt zuständig ist!

 

Anhang 9: Schulisches + Kirchliches

Die Stadt läßt das heute noch als Kindergarten existierende Schulhaus am Kelterplatz 3, das Alte Rathaus, unter Einbeziehung eines baufälligen Nachbarhauses baulich erweitern – nach Metzger ist dies einem Neubau „fast gleichzuachten“. Es dient fortan (bis 1913) als 4klassige Volksschule mit Lehrerwohnung, im Erdgeschoß für die Knaben, im 1. Stock für die Mädchen. Einen Neubau faßt man jedoch noch nicht ins Auge, wie das in vielen anderen Orten, der starken Bevölkerungszunahme wegen, nach 1830 und nach 1870 geschieht. Viele französische Reparationsleistungen (das „Franzosengeld“), die Frankreich nach dem Krieg von 1870/71 abgefordert werden, fließen dort in den Schulhausbau. Damit jeder Dorfhandwerker ein solches Spezialgebäude auch fachgerecht errichten kann, werden Fachbücher herausgegeben, die den Handwerkern alle technischen Merkmale detailliert vermitteln. So enthalten die Ausgaben für das Königreich Württemberg z.B. Abbildungen von gußeisernen Säulen zur Abstützung der Zimmerdecken, die mittels beigelegtem Vordruck gleich bei der staatlichen württembergischen Eisengießerei in Wasseralfingen bestellt werden können. Damit entstehen die für das 19. Jahrhundert typischen württembergischen Schulhäuser. – In Neuffen soll es aber noch einige Jahr(zehnt)e bis zu einem Schulhausneubau dauern. . .

In den erneuerten Klassenzimmern befinden sich, je nach Raumgröße, zwischen 10 und 30 „Subsellien“, laut Brockhaus jener Zeit der lateinische Ausdruck für Schulbänke, dazu ein Tisch für den Lehrer mit Schublade, Sitz und Fußtritt, eine Rechentafel mit Schwamm, eine schwarze Tafel, eine Schranne und eine Waschschüssel, nicht zu vergessen die irdenen Tintengefäße und eine Sandbüchse. Ein Rohrstock fehlt auf dieser Inventarliste; den „Tatzenstecken“ bringt der Schulmeister wohl selber mit! Und die Tinte stellt er oft sogar selbst aus gestoßenen Galläpfeln, Vitriol, Wein- oder Obstessig und arabischem Gummi her. Subsellien sind spezielle Schulmöbel, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchsetzten, bestehend aus einer Sitzbank und dem damit verschraubten Schreibtisch, dessen Tischplatte einen eingelassenen Blechkasten für Griffel, Federn und das Tintenglas hat. Die weiteren Schreibutensilien: Bleistift, Griffel und Schreibtafel, Schreibfeder und später auch Papier, müssen die Schüler selbst mitbringen. Bleistifte wurden seit 1662 in Nürnberg (Fa. Staedtler, später Faber) aus Graphit hergestellt. 1847 wurde der Bleistiftspitzer mit dem schrägstehenden Messerchen in einem Trichter erfunden. Schreibfedern wurden zunächst aus dem Kiel einer Vogelfeder mittels eines speziellen Federmessers geschnitten. Stahlfedern, seit 1830 zuerst in England maschinell hergestellt, wurden in Deutschland um 1840 eingeführt, 1852 erstmals in Berlin produziert. Als Schreibtafeln waren seit dem Altertum Wachstafeln üblich. Im 18. Jahrhundert kamen in den Schulen Schiefertafeln mit hölzernem Rahmen in Gebrauch, die man mit einem Griffel beschreiben mußte und mit einem feuchten Schwämmchen wieder löschen konnte. 1860 entstand die erste deutsche Tafelfabrik (Faber-Castell). Weil liniertes Papier teurer war als unliniertes, werden in den Volksschulen – wenn überhaupt – meistens unlinierte Kanzleibogen verwendet, die dann von den älteren Schülern oder dem Lehrer mit Bleistift liniert werden müssen. – Eine für die heutige Zeit, in der Papier fast zu einem reinen Verbrauchsgegenstand und Wegwerfartikel geworden ist, kaum glaubliche Tatsache!

Der Kanzleibogen ist ein altes Papierformat in den Maßen 21 x 33 cm, auch Folioformat genannt. Die Realschule wenige Jahre später (s.u.) hat eine deutlich erweiterte Ausrüstung. Hier kommen noch 4 Kästen zur Aufbewahrung von Zeichnungsgegenständen und Apparaten sowie Bücherständer hinzu, vor allem aber 2 Barren, ein Reck, 30 Turnstäbe, 11 Kugeln und ein Gerüst zum Hochsprung. Diese Ausstattung zeigt ganz klar, daß im Lehrplan der Realschule deutlich mehr Wert auf Körperertüchtigung gelegt wird als in der Volksschule. Vielleicht lag das aber daran, daß man die jungen Burschen für einen späteren Wehrdienst ertüchtigen wollte. Die Stadt mit ihren immer noch stark bäuerlich geprägten Bewohnern und einem Kämmerer, der auch schon auf jeden Kreuzer schauen muß, ist darüber freilich wenig erbaut. [Wie sich bald zeigen wird!] Das Schulgeld für einen Volksschüler beträgt im Königreich Württemberg – je nach Gemeindegröße – zwischen 48 und 90 Kreuzern pro Halbjahr, was ungefähr dem Lohn eines Tagelöhners für einen Tag bis drei Tage Arbeit entspricht.

1834 scheint ein gutes Weinjahr zu sein. Denn, wie es heißt, in dem trockenen und warmen Jahr übertreffe der Wein in Beuren „selbst die Weine mancher besseren Orte des Unterlandes“.

Erste „Renovierung“ der Martinskirche im neugotischen Stil. Sie erhält 1848 eine von der Fa. Walcker in Ludwigsburg erbaute Orgel mit „neugotischem“ Prospekt auf der Westempore. Das moderne Spielwerk funktioniert nicht mehr mechanisch, sondern pneumatisch. Die Orgelempore im Chor wird entfernt. Als bei dem Einbau ein Stützbalken entfernt werden muß, gibt die Wand meßbar nach. Darauf wird 1864 in Neuffen eine Gesamtrenovierung beschlossen. Doch muß der Beschluß auf Anweisung des Oberamts in Nürtingen bald darauf wieder rückgängig gemacht werden, und es wird noch einige Jahre bis zu einer vollständigen Renovierung dauern. So erhält nur das Kircheninnere 1868 einen Anstrich, 1880 wird das Äußere verblendet.

Die bisher gemeinsam von Magistrat und Geistlichkeit durchgeführte Wahl des Schulmeisters endet mit dem Jahre 1836.

 

Anhang 10: Hohenneuffenerisches + Neuffenerisches

Der bis dahin kahle Berggipfel des Neuffen wird auf Betreiben von Graf von Mandelsloh aufgeforstet. (vergleiche das schon erwähnte Bild von Wachter aus dem Jahre 1822 in Raum 3.) Vorher waren die Flächen an Viehhalter verpachtet, die dort ihre Kühe, Schafe und Ziegen weiden ließen.

Im Verlag des Neuffener Buchbindermeisters Feßmann erscheint im Sommer ein erster, heute kaum bekannter Führer zu den „Ruinen des Hohen-Neuffen“ aus der Feder von L. F. V. Andreä, gedruckt beim Nürtinger J. G. Senner. Darin heißt es u.a.: „Hinter dem Zeughause gegen Westen verbergen sich zwei reinliche Gewölbezimmer, in deren jedem eine viereckige Bodenöffnung zu der Kasematte führte, welche den berüchtigten Cabinets-Minister und Finanz Director Jud Süß Oppenheimer einschloß.“ Und über Neuffen lesen wir: „Wenn wir einen Niederblick gegen Westen in das unter uns liegende Tal werfen, so fällt uns zunächst das freundliche Städtchen Neuffen . . . in die Augen. Es ruht unterhalb der Weinberge mitten in einem Wald von Kirschen-, Zwetschgen-, Apfel- und anderen Obstbäumen, wohlgemut auf sich selbst vertrauend . . .“ Wie schon mehrfach erwähnt, war es früher aus militärischen Geheimhaltungsgründen strengstens verboten, etwas über den Neuffen zu veröffentlichen! Deshalb erschienen vorher höchstens vereinzelte Artikel mit meist ungenauen, nichtssagenden Beschreibungen.

Erneut geht eine Publikation näher auf den Hohenneuffen ein: Immanuel Stock gibt sie 1838 in Stuttgart heraus unter dem Titel „Hohen-Urach und Hohen-Neuffen“.

Längere Zeit feiern an Himmelfahrt vor allem Tübinger Studentenverbindungen auf dem Neuffen ihr Stiftungsfest, wovon das 1885 entstandene große Wandbild mit Burgwirt Spring in der Burggaststätte zeugt. Auch „habe sich im . . . 19. Jahrhundert der Brauch herausgebildet, am Himmelfahrtstag auf den Hohenneuffen zu wandern . . . , um dort zu einem Volksfest mit Musik und Tanz . . . zusammenzukommen.“

Am 25. Juli dieses Jahres verstirbt der am 5. 4. 1786 in Reval geborene Paul Schilling von Cannstatt, Nachkomme der Neuffener Familie Schilling, im russischen St. Petersburg als von allen verehrter russischer Staatsrat. Er hat als junger Mann noch gegen Napoleon gekämpft, erfand den elektrischen Nadeltelegraphen, entwickelte das Telegraphen-Alphabet, den Vorläufer des Morse-Alphabets, verlegte das erste Unterwasserkabel zur Zündung von Minen und zeichnete Landkarten für das Militär. Er ist in Russland bis in die jüngste Vergangenheit so hochgeachtet, daß 1982 ihm zu Ehren sogar eine Briefmarke herausgegeben wird! Sein Grabstein auf dem dortigen Friedhof ist noch heute erhalten! (s. Dokumentation im Museum)

Der Jushof ist der erste Aussiedlerhof Neuffens, ein kleiner Bauernhof auf Gemarkung Neuffen, etwas versetzt zwischen dem kleinen Vulkankegelchen des St. Theodorsbuckels und und seinem großen Bruder, dem Jusi, am leichten Hang gelegen; seine Vorgänger könnten bis ins 18. Jahrhundert, evtl. sogar bis ins 16. Jahrhundert, zurückreichen! Aktenkundig ist davon leider nichts. Anfang oder Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er von Christian Doster um 48.000 fl erworben. Er hat eine Größe von 33 ha und lange keinen Strom, die Beleuchtung besteht aus Petroleum. Wasser bezieht man aus einer Quelle vom Jusiberg, 600 Meter von der Hofstelle entfernt.

Später wird vom Besitzer ein Reservoir gebaut und das Wasser in Rohrleitungen bis zum Hof geleitet, vor dem Viehstall plätschert nun das kühle Nass das ganze Jahr vom Frühjahr bis zum Winter in einen Brunnen. Anfangs wird eine Zapfstelle in der ebenerdigen Wohnung des Wohnhauses eingerichtet. In die obere Wohnung muß das Wasser mit Eimern hochgetragen werden. Erst später kann es mit einer Pumpe nach oben gepumpt werden, das ist der Anfang der heutigen modernen Hauswasserversorgung. Der Hof ist rechteckig angelegt. Am Eingang steht das Wohnhaus, rechts davon der Pferdestall, darüber wird das Getreide gelagert, parallel zum Wohnhaus befindet sich der Viehstall, darüber ist der Heuboden. Gegenüber vom Pferdestall sind Schweine- und Schafstall. Hinter diesen vier Gebäuden steht ein fünftes Gebäude, darin sind Hühnerstall, Waschhaus und Brennerei untergebracht. Später wird von den Söhnen des Christian Doster eine Heuscheune und ein großer Wagenschuppen gebaut.

Endgültiger Abbruch der Stadttore mit Teilen der Stadtmauer – das Städtchen dehnt sich aus und braucht Platz; zudem kostete der Erhalt viel Geld. Der Stadtgraben wurde wahrscheinlich schon früher aufgefüllt, zumindest wurden einige Häuser darin erbaut, z.B. das Gebäude im Unteren Graben 26, in dem sich heute das Deutsche Ordenmuseum befindet. Auch hier wieder ein kurzer Vergleich mit unserem nächsten, im Oberamt Kirchheim gelegenen Nachbarstädtchen Owen: Auch dort wird um diese Jahre herum die Stadtbefestigung abgerissen, weil man den Platz braucht und der Unterhalt sehr aufwendig ist; der letzte Turm fällt im Jahre 1837.

Weitere, im Stadtplan der Zeit eingezeichnete Häuser findet man heute nicht mehr im Stadtbild: die Kelter auf dem Kelterplatz (abgebrochen 1870), eine weitere beim Kleinen Fruchtkasten, die Stallung beim Melchior-Jäger-Haus (bis 1835), die Pfarrscheuer (1904) und eine Häusergruppe am Lindenplatz (um 1930).

 

Letzte Meldungen

20 Unterensinger Bürger, die bisher an das Kameralamt in Neuffen jährliche Abgaben für den Zehnt an Geld, Öl, Käse, Hühnern u.a. zu leisten hatten, lösen diese Last durch Zahlung des 16fachen Geldbetrages – wie alle anderen Bürger früher oder später auch – für immer und ewig ab.

Im Jahr 1839 am 16. Dezember wird im Waldstück Hochbuch bei Donnstetten der letzte Wolf auf der Schwäbischen Alb geschossen; der letzte in Württemberg wird am 10. März 1847 im Stromberg erlegt, nachdem das „Untier“ 50 Schafe gerissen hat, der letzte Luchs ein Jahr zuvor am 14. Februar beim Reußenstein, als ein Jäger, Revierförster Marz, glaubt, einen Wolf vor der Flinte zu haben, und der (vor-) letzte Bär in Deutschland erst vor gut 130 Jahren, im Jahre 1876. (Der „allerletzte“ wurde ja erst vor wenigen Jahren in Bayern gehetzt und abgeschossen!)

Im Jahre 1840 wird der Lemberger-Wein nach Deutschland eingeführt. Er war vorher seit dem 18. Jahrhundert in Österreich bekannt und soll schon unter Kaiser Karl dem Großen gezüchtet und kultiviert worden sein!